Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'21 -Südlicher Oberrhein

27 2 | 2021 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten IHK Südlicher Oberrhein REGIO REPORT D ie Nöte der Azubis, mit denen Markus Keßner in seinem Arbeitsalltag konfrontiert wird, reichen von Aufmerksamkeitsdefizitstörun- gen (ADHS) über ungewollte Schwangerschaften und Schul- den bis zu Drogenproblemen. „Solche Sorgen können weder die Ausbildungsbetriebe noch die IHK-Ausbildungsberater auf- fangen“, sagt der Experte. Des- halb gibt es seit Februar 2019 bei der IHK Südlicher Oberrhein die Stelle des Ausbildungsbegleiters. 20 von ihnen arbeiten im ganzen Land; sie sind Teil des Projekts „Erfolgreich ausgebil- det! – Ausbildungsqualität sichern“ vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Würt- temberg. Die Stelle ist bei der IHK mit 80 Prozent vom Ministerium gefördert. Bei 44 jungen Menschen hat Keßner den Abbruch der Ausbildung seit Aufnahme seiner Tätigkeit verhindert, nur bei zwölf Azubis waren seine Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt. Trotz der guten Quote bleibt der 58-Jährige bescheiden: „Ich bin ja nicht die Lösung des Problems, ich bin nur das Werkzeug.“ Das ist auch das, was er seinen Schütz- lingen immer wieder mit auf den Weg gibt: „Es liegt an Dir.“ – Beziehungs- weise ist seine Formulierung abhängig vom Gegenüber auch mal etwas her- ber, damit sie wirklich ankommt: „Die Wurst kann ich Dir hinhalten, aber danach schnappen musst Du selbst!“ Keßner profitiert von einem großen Erfahrungsschatz. Unter anderem hat er zwei Jahre lang Arbeitssuchende auf dem Weg zurück in die Arbeit bei der Handwerkskammer unterstützt; neun Jahre war er bei der Jugendbe- rufshilfe Ortenau tätig. Zuvor war er in der katholischen Jugendarbeit und in der Arbeitnehmerseelsorge aktiv. Eine zweijährige Ausbildung zum Be- triebsseelsorger sowie verschiedene Zertifikate runden sein Profil ab. Und auch mit der dualen Ausbildung kennt sich Keßner aus: „Meinen Berufsweg habe ich als Schlosser begonnen.“ Die Betreuung der Auszubildenden ist, abhängig von ihren Problemen, sehr unterschiedlich. Keßner: „Im besten Fall reichen ein paar wenige Treffen. Mit anderen bin ich über Monate im Neue Serie: Aus dem Alltag des Ausbildungsbegleiters Markus Keßner Das richtige Werkzeug regelmäßigen Austausch; einen habe ich anderthalb Jahre begleitet.“ Auch die Art der Unterstützung variiert. So hilft Keßner mal mit einem erklären- den Anruf bei der Krankenkasse, wo sich durch fehlende Erläuterungen Schulden im fünfstelligen Bereich angesammelt haben, mal ist er beim Arztbesuch dabei, dann sitzt er bei Streitigkeiten mit dem Azubi im Ge- richtssaal. Nach zwei Jahren als Ausbildungs- begleiter, davon beinahe ein Jahr mit Corona, stellt Keßner fest: „Die psy- chischen Erkrankungen haben zuge- nommen.“ Kam manch einer unter normalen Umständen noch durch, so hätten ihm die Begleitumstände der Pandemie die Füße unter dem Boden weggezogen. „Drei Jahre war ein Azubi weg von den Drogen, hatte im Bouldern seine Ersatzdroge ge- funden. Doch als die Kletterhallen geschlossen waren, ist er wieder in die Abhängigkeit gerutscht“, erzählt er von einem konkreten Beispiel. Auch für Keßner ist die Betreuung der Azubis durch Co- rona komplizierter geworden. „Meine Tätigkeit ist eine aufsuchende Arbeit“, erklärt er. „Es ist wichtig, dass ich die jungen Leute in ihrem heimischen Umfeld be- suche.“ Dabei ist es für ihn nicht nur von Bedeutung, die Lebenswelt der jungen Menschen kennenzulernen. Keßner: „Bei ihnen daheim entsteht ein Dialog auf Augenhöhe, das ist eine ganz andere Ebene des Miteinanders.“ Bis Juli 2021 ist die Tätigkeit des Ausbil- dungsbegleiters noch vom Ministerium gefördert. Keßner hofft auf Verlänge- rung des Projekts. Denn er ist über- zeugt, dass das Geld gut angelegt ist: „Als Sozialfall für den Rest ihres Lebens kämen diese Personen der Verwaltung deutlich teurer zu stehen.“ naz Im Verantwortungsbereich der IHK Südli- cher Oberrhein werden pro Jahr knapp zehn Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Zwar entscheiden sich einige dieser Abbrecher für eine andere Ausbildung oder ein Studium, doch ist für manche aufgrund persönlicher Probleme das Ende der berufli- chen Karriere mit der Vertragslösung besie- gelt. Damit es nicht so weit kommt, ist seit zwei Jahren IHK-Ausbildungsbegleiter Markus Keßner im Einsatz. Kontakt zu Markus Keßner für Aus- bildungsbetriebe und Azubis: Telefon: 0761 3858-164 markus.kessner@freiburg.ihk.de Alle Informationen zum IHK-Ausbil- dungsbegleiter auch unter www.suedlicher-oberrhein.ihk.de ( 4351384)

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