Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'21 - Hochrhein-Bodensee
25 2 | 2021 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten ANZEIGE Was hat Ihnen durch die Krise geholfen? Klar habe ich alle für uns infrage kommenden Hilfen in Anspruch genommen. Neben dem Kurzarbeitergeld, der Soforthilfe, der Novemberhilfe, dem Tilgungszu- schuss für die Veranstaltungsbranche habe ich die Überbrückungshilfe 1 und 2 beantragt. Unser Steu- erberater hat uns hierbei enorm unterstützt, und auch die IHK Hochrhein-Bodensee hat unsere Anträge in- nerhalb weniger Tage bearbeitet. Finanziell reicht das aber bei weitem nicht aus. Ich musste zudem noch einen hohen KfW-Kredit aufnehmen, den es gilt wie- der abzuzahlen. Viele Gelder kamen schnell, auf die Novemberhilfe haben wir bis Mitte Januar gewartet. Ein weiterer wichtiger Punkt, der uns durch die Krise geholfen hat, ist der enorme Zuspruch von unseren Partnern, Lieferanten und unseren Kunden. Was würden Sie Unternehmen in einer ähnlichen Lage raten? Neben der ständig zu überarbeitenden Liquiditäts- planung ist jetzt die Zeit, um sich für die Zukunft auf- zustellen. Das Potenzial steckt in unseren Mitarbei- tern. Noch nie habe ich so viele Mitarbeitergespräche geführt, denn hier schlummern viele Dinge, die in der Vergangenheit aus zeitlichen Gründen gerne mal vernachlässigt wurden. Zudem hat jeder innovative Ideen, um das Unternehmen nach vorne zu bringen. Werden die Hilfen von Bund und Ländern ausrei- chen oder braucht es mehr, um durch die Krise zu kommen? 80 Prozent Umsatzeinbruch im Jahr 2020 ist eine Ka- tastrophe, und da braucht man nichts schönreden. In diese Krise sind wir unverschuldet reingeraten, und bis heute haben wir keine Perspektive, wann wir wie- der durchstarten können. Materielle Unterstützung ist notwendig und gut, die psychische Belastung man- gels Perspektive kann diese jedoch nicht auffangen. Natürlich werde ich auch weiterhin alle möglichen Zuschüsse beantragen, denn unser gesamtes Team Olaf Jung muss seit Monaten auf vieles verzichten, der Schul- denberg wächst, und wir müssen auch wieder irgend- wann investieren können. Wird für die Eventbranche genug getan? Die gesamte Veranstaltungsbranche umfasst Messen, Konzert- und Tagungshäuser, Theater, Eventagentu- ren, Veranstaltungstechniker und auch viele Solo- selbstständige wie Künstler und Schauspieler. Wir sind der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit 130 Milliarden Euro Umsatz und über einer Milli- on Beschäftigten. Bei den beschlossenen Hilfsmaß- nahmen wurde die Veranstaltungswirtschaft jedoch völlig unzureichend berücksichtigt. Die Organisation #AlarmstufeRot setzt sich für unsere Branche und Kulturlandschaft ein und fordert primär einen Ret- tungsdialog mit der Regierung, um gemeinsam einen Weg aus der Krise zu finden. Wir brauchen ein auf die Branche zugeschnittenes Überbrückungspro- gramm, Kreditprogramme mit Laufzeitverlängerung und tilgungsfreien Phasen, eine Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags um ein Jahr, flexiblere Kurzarbeiterregelungen und eine Anpassung des EU- Beihilferahmen. Wagen Sie eine Prognose für 2021? Die derzeitigen Infektionszahlen geben momentan we- nig Hoffnung für Lockerungen. Wir müssen alle noch durchhalten. Ich persönlich schätze, dass wir frühes- tens ab März wieder unter einem Hygienekonzept ar- beiten dürfen. Und wenn sich möglichst viele schnell impfen lassen, wird die Branche im Frühsommer wie- der voll loslegen können. Die gesamte Hotellerie und Gastronomie sowie unsere Veranstaltungsbranche haben individuelle und sehr gut funktionierende Hy- gienekonzepte entwickelt. Es wurde vieles getan, um Gäste mit Abstand und auf Sicherheit bedacht begrü- ßen zu können. Sehr hilfreich wäre es nun, wenn uns auch die Politik diesbezüglich ihr Vertrauen schenken würde. Interview: hw
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