Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'20 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
59 10 | 2020 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten INTERNATIONAL PRAXISWISSEN Eine dauerhafte Lösung im USA-China-Konflikt scheint in weiter Ferne. Es dürften sich drei Wirt- schaftsräume herausbilden: ein China-zentrierter, ein US-zentrierter und ein EU-zentrierter Wirt- schaftsraum. Indien will unabhängiger von China werden und im Handel mit China Alternativen fin- den. Kann das gelingen und wenn ja, wie? Welche Auswirkungen sehen Sie dabei? Ein großes Dilemma in Indien ist das Zusammentreffen der indischen Händlermentalität mit der indischen Kon- sumentenrealität. Die indische Händlermentalität ist: billig einkaufen und mit kleiner Marge billig weiterver- kaufen. Die indische Konsumentenrealität heißt: billig kaufen. Die Inder haben vorwiegend in China einge- kauft, und so wuchs die Abhängigkeit von China immer mehr. Mit Corona wurden zunächst die Lieferketten in China gestört, das heißt aus China kam nichts. Und in Indien wurde aufgrund von Covid-19 weniger konsu- miert, sodass der Druck durch die Käufer wegfiel und der Lieferant nicht liefern konnte. Premier Modi nutzt diese Situation und will nun zeigen, dass es auch ohne China geht. Eine aktuelle Studie belegt, dass gut 300 Produkte drei Viertel der Importe aus China ausma- chen. Jetzt analysiert man, welche dieser Produkte aus anderen Ländern bezogen werden können und welche man auch vor Ort selbst produzieren kann. Der Druck der indischen Regierung ist immens, viele Produkte, die aus China importiert wurden, vor Ort in Indien zu pro- duzieren. Auf der anderen Seite werden auch kritische Stimmen laut. Deutsche Unternehmen in Indien sind nicht nur begeistert von Modis neuer Politik „Make in India for the world“. Viele globale Unternehmen haben eine weltweit fein austarierte Lieferkette. So hat der VW-Chef in Indien sich sehr klar gegen die Politik der indischen Regierung gewandt: Er vertritt die Meinung, wenn man aus Indien exportieren wolle, müsse man in Kauf nehmen, aus anderen Ländern, gemeint ist China, zu importieren. Apple will durch Risikostreuung in seiner Supply- Chain auch weiterhin den US-Markt beliefern können. Das US-Unternehmen hat deshalb seinen taiwanesischen Zulieferer Foxconn dazu bewogen, einen Teil seiner Fertigung aus der Volksrepublik China nach Indien zu verlagern. In welchen anderen Industrien und in welchem Ausmaß finden solche Fertigungsverlagerungen mittlerweile statt? Foxconn ist keine Verlagerung per se aus China nach In- dien, sondern der großen Nachfrage in Indien geschul- det. Apple will seit Jahren groß in Indien einsteigen, sie haben Milliarden-Investitionen angekündigt. Da ist nie richtig etwas draus geworden. Jetzt erhöhte in der Tat Indien, aber auch Apple den Druck, in Indien zu pro- duzieren. Auch Samsung hat sein größtes Handywerk weltweit vor gut einem Jahr in Indien gebaut, ebenfalls wegen der großen Binnennachfrage. Das Problem bei Handys, wie bei vielen anderen Elektronikprodukten, ist, dass es eine sehr kleinteilige Fertigungskette hat, bei der sehr viele Teile aus allen möglichen Ländern verbaut werden. Ein sehr hoher Anteil dieser Kleinteile kommt aus China. Indien steht nun vor der Frage, ob dort nur Assembly gemacht werden soll oder ob man in der Wertschöpfungskette viel tiefergehend einzelne Produkte herstellt. Hier ist China um Jahre voraus, denn China produziert für die ganze Welt. Auf jeden Fall lohnt sich eine genaue Analyse der Lieferkette für einzelne Produkte, denn auch in China kommt nicht alles aus China. Vieles stammt aus Taiwan, einiges auch aus Japan oder Korea und wird in China zusammengesetzt. Richtig ist, dass China die Fertigungstiefe mittlerweile perfektioniert hat. Und hier steckt die Herausforde- rung, denn das erreicht man nicht über Nacht. Indien scheint verstärkt den Schulterschluss mit den USA zu suchen und sich diesem Wirtschafts- raum anzunähern. Wie gut ist der Zugang zum US-Markt für Waren- und Dienstleistungsanbieter aus Indien aktuell tatsächlich? Die USA sind nach China und den Vereinigten Arabi- schen Emiraten der drittgrößte Handelspartner Indiens. Hier sprechen wir auch über ein Volumen von rund 88 Milliarden US-Dollar, wobei Indien mit den USA einen Handelsbilanz- überschuss hat. Indien exportiert in die USA vor allem Textilien und Dienstleis- tungen. Insbesondere Software wird in Indien für amerikanische Unternehmen entwickelt. Sehr viele Inder leben in den USA und sind dort im IT-Bereich tätig. Indien ist der größte Empfänger von Transferleistungen von Auslandsindern, auch aus diesem Grund sind die USA für Indien sehr wichtig. Es gibt auch immer wieder Konflikte mit den USA. Präsident Trump moniert regelmäßig, dass auf eine Harley Davidson bei der Einfuhr nach In- dien ein Zoll von 100 Prozent anfällt. Die Motorräder, die Indien in die USA expor- tiert, haben einen Einfuhrzoll von zehn Prozent, wobei die Anzahl der exportieren Motorräder sehr gering ist. Trump erschwert aktuell die Vergabe von Arbeitsvisa, mit denen indische Softwareingenieure in die USA einreisen und arbeiten können. Insofern ist auch das Verhältnis Indien-USA nicht konfliktfrei. Auf der anderen Seite ist auch die EU ein sehr wichtiger Partner für Indien. Am 15. Juli fand der EU-Indien- Summit statt. Da wurden zahlreiche Vereinbarungen getroffen, unter anderem auch im Bereich Handel, der weiter ausgebaut werden soll. Der Automobilsektor in Indien schwächelt massiv, und das schon vor Corona, eine Erholung ist nicht in Sicht. Davon sind auch deutsche Automotive- Unternehmen stark betroffen. Welche Geschäfts- chancen bieten sich deutschen Unternehmen in welchen Kundenbranchen und Marktsegmenten – aktuell und perspektivisch nach Corona? Das größte Problem in Indien ist momentan die man- gelnde Nachfrage. Die Menschen tun sich schwer in solch schwierigen Zeiten mit neuen Investitionen. Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer Bild: AHK Indien
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