Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai/Juni'20 -Südlicher Oberrhein

22 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 5+6 | 2020 REGIO REPORT IHK Südlicher Oberrhein Frau Beinert, was sind aktuell die größten Herausforderungen für Kleinunternehmen? Wie für alle Unternehmen: der meist radikale Umbruch der Auftragslage. Der Einzelhandel musste schließen, Büroabläufe mussten neu organisiert werden, Aufträge sind zurückge- zogen oder entfallen. In der Krise gilt es, kreativ zu sein. Viele verlagern Teile des Geschäfts ins Internet, bieten zum Beispiel Yogakurse per Video an. Welche kreativen Lösungen kennen Sie in unserer Region? Kleinunternehmer sind meist Selbstständige aus Überzeugung. Viele nutzen die Krisen da- für, neue Wege zumindest zu probieren und sich anzupassen. Es gibt zahlreiche Beispiele aus Handel und Gewerbe: Bringdienste in vie- len Gemeinden, Liefer- und Abholservices der Gastronomie, virtuelle Weinproben, „Händler helfen Händlern“-Aktionen wie in Emmen- dingen, wo die Firma JeansOne ihren Shop anderen Händlern zur Verfügung stellt. Auch Facebookshops, wie das Geschäft Ulmer in Herbolzheim einen betreibt, wurden eingerich- tet. Kleine Betriebe zeigen sich hier sehr ein- fallsreich und nutzen ihren Vorteil der Agilität. Was machen Unternehmen, die ihr Geschäft weniger einfach ins Internet verlagern können? Sie nutzen oft die Gelegenheit, sich zu sortie- ren und auch nach außen hin digital sichtbar zu werden. Es gibt viele Dinge, die im Alltags- geschäft liegen bleiben oder verschoben wer- den. Sicherlich hat der eine oder andere die erste Zeit der Krise so sinnvoll genutzt. Mitt- lerweile ist der schrittweise Exit ein Thema, Unternehmen versuchen, sich auf mögliche kommende neue Auflagen vorzubereiten. Natürlich wäre es hierbei wichtig, dass diese Auflagen auch frühzeitig und eindeutig kom- muniziert werden, sodass die Unternehmen eine möglichst langfristige Perspektive haben. Reicht die Soforthilfe für kleine Unterneh- men in Not, und was kommt danach? Zur ersten Überbrückung war die Soforthilfe eine große Erleichterung. Diese reicht aber na- türlich nicht auf unbegrenzte Dauer und ist in ihrer pauschalen Höhe nicht für jede Betriebs- größe gleich wirksam. Neben der Möglichkeit der Kurzarbeitsregelung und der Stundungen verschiedener Abgaben wurde die KfW-Kredit- regelung für Kleinunternehmen angepasst. Der Zinssatz beträgt nun drei Prozent, die Kredite haben eine Laufzeit von zehn Jahren und sind zwei Jahre lang tilgungsfrei. Die neuen Kondi- tionen machen den Kredit auch für manche Kleinunternehmen vielleicht sinnvoll. Wie gehen Sie persönlich in Ihrem Unternehmen mit der Krise um? Mit dem Großveranstaltungsverbot waren wir früh von der Krise betroffen, und Groß- veranstaltungen werden wohl noch lange problematisch sein. Wir haben diesen au- ßergewöhnlichen Zustand genutzt und ihn für uns als eine Chance definiert, die uns Raum und Zeit gibt, unsere Videolösungen für die jetzige Situation anzubieten. Mit vir- tuellen Veranstaltungsformaten haben wir neue Arbeitsfelder für uns definiert. Dieses Suchen nach Möglichkeiten und damit posi- tivem Denken kostet in der Realität viel Kraft, ist aber meiner Meinung nach unabdingbar, um gesund durch die Krise zu kommen Welche Rolle spielen Solidarität und Aus- tausch in so einer Krisensituation? Solidarität ist gerade für die unter Druck ste- hende Psyche eine enorme emotionale Stütze. Auf Solidarität in der breiten Bevölkerung sind » Kleine Betriebe nutzen ihre Agilität « Am Südlichen Oberrhein gibt es rund 67.000 IHK-Mitgliedsbe- triebe – mehr als die Hälfte von ihnen, nämlich 35.510, haben keine Angestellten, sondern ge- hören zu den Solounternehmen. 80 Prozent der Mitglieder sind Kleinunternehmen mit maximal zehn Mitarbeitern. Wie sieht die Lage in der Coronakrise für diese kleinen Betriebe aus? Dazu sprachen wir mit Alexandra Beinert, Vorsitzende des IHK- Kleinunternehmensausschusses. wir Kleinen besonders angewiesen. Wir brau- chen die Menschen, die sich beispielsweise mit unseren neuen Liefer- oder Onlineange- boten auseinandersetzen und diese nutzen. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es darüber hinaus? Der Einpersonen- und Kleinunternehmensaus- schuss der IHK wird von vielen derzeit als rege Austauschplattform genutzt. In diesem Kreis informieren wir uns gegenseitig, wo wir Hilfe in welcher Form bekommen. Zudem nutzen wir den Ausschuss als Kommunikationsmittel, um Gedanken und Ideen aus der Unterneh- menspraxis in die Fachabteilungen der IHK zur Diskussion einzubringen. So haben wir zum Beispiel ein Stimmungsbild mit unseren speziellen Problemen erarbeitet. Die IHK hat dieses Meinungsbild aufgegriffen, etwa bei der Installation von Webinaren für Kleinunterneh- men. Das war sehr hilfreich. Ebenso ist die erstinstanzliche Abwicklung der Soforthilfean- träge durch die IHK super gelaufen – in der Hotline bekam man wichtige Hilfestellungen, und es ging schnell. Interview: heo ZUR PERSON Alexandra Beinert (35) ist Geschäfts- führerin von Kultur und Wirtschaft in Teningen und Mitarbeiterin des Studios Beinert. Das Familienunternehmen fer- tigt seit 31 Jahren Filme und bietet Bild- betreuung für Messen und Kongresse an. Alexandra Beinert ist seit 2016 Mitglied der IHK-Vollversammlung und Mitinitia- torin der Gründung des Einpersonen- und Kleinunternehmensausschusses (EKU), dessen Vorsitz sie innehat.

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