Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe April'20 -Südlicher Oberrhein
58 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 4 | 2020 Messen NEWS Die Messebranche im Coronavirus-Schock Absagen und Verschiebungen A lle Messegesellschaften betonen die Gesundheit der Aussteller, der Messebesucher und der eigenen Mitarbeiter als höchste Priorität. Neben der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus sind Messeabsagen und -verschiebungen unter rein wirtschaftlichem Aspekt aber auch Ausdruck der Angst vor Ausstellerabsagen und Einbrüchen der Besucherzahlen als Folge der gesundheitlichen Ver- unsicherungen. Zum Beispiel verzeichneten die vom 6. bis 8. März durchgeführten Freiburger Freizeitmessen trotz zusätzlich neuer Grillmesse mit verkündeten 15.000 Besuchern über ein Viertel we- niger Publikum als im Vorjahr. Dagegen war etwa die für das gleiche Wochenende geplante Publikumsmesse Ibo mit Schwestermessen in Friedrichshafen auch wegen absehbarer Besucherrückgänge kurz- fristig abgesagt worden. Viele abgesagte Messen mit Jahresturnus werden erst wieder zum nächsten regulären Termin 2021 stattfinden. Vor allem aber für internationale Messen müssen in Absprache mit den Ausstel- lern und ihren Branchenverbänden mühsam neue Termine in per se schon dichten Messe-Jahresprogrammen gefunden werden. Grundsätzlich sehen sich die Messeveranstalter nach den Absa- gen und Verschiebungen angesichts zum Teil hoher Vorlaufkosten der Messevorbereitung und akuter Umsatzeinbußen erheblichen Verlusten gegenüber. Das betrifft ebenso den weiten Bereich der Messedienstleister bis Transport sowie Hotellerie und Gastrono- mie. Für die deutsche Gesamtwirtschaft hat der Messeverband AUMA mögliche Einbußen von bislang fast drei Milliarden Euro hochgerechnet (beim Stand der Absagen und Verschiebungen 9. März). Mehr als 24.000 Arbeitsplätze sind betroffen, und aktuell werden über 470 Millionen Euro geringere Steuereinnahmen er- wartet. Und um ein Vielfaches höher liegen die den Unternehmen entgangenen sonst auf den Messen getätigten Umsätze. epm MCH Group Strategische Neuausrichtung D as bedeutet die Abkehr von der viele Jahre aufgrund eines rückläufigen nationalen Messegeschäfts verfolgten Diversi- fizierungs- und Industrialisierungsstrategie. Die Kritik daran gipfelte zuletzt in den Forderungen einer kleineren Aktionärsgruppe nach Offenlegung der Geschäftsbücher sowie nach einer Sonder- prüfung der Unternehmensstrategie und Änderung der Statuten. Das aber lehnte eine deutliche Mehrheit der Aktionäre der MCH Group auf einer außerordentlichen Generalversammlung Ende Januar ab und stärkte so dem Unternehmensverwaltungsrat den Rücken. Jedoch räumte dieser in der Aufarbeitung vergangener Ereignisse aus heutiger Betrachtung Fehler ein. So hätten sich unter anderem die Erwartungen an die Übernahme der Messe Beaulieu Lausanne nicht erfüllt. Die Folgen sind ein kumulierter Verlust in den zehn Jah- ren 2010 bis 2019 in Höhe von 35,6 Millionen Franken, Kosten für die Sanierung der dortigen Pensionskasse von 9 Millionen Franken und Rückstellungen von 6,1 Millionen Franken für erwartete Verluste im Rahmen des bis 2021 gültigen Mietvertrages. Auf Veranstaltungs- ebene ist die 2018 lancierte und wieder eingestellte Sammlerauto- mobilmesse „Grand Basel“ ein Extremfall. Bei einem konsolidierten operativen Gesamtaufwand von 28,6 Millionen Franken ergab sich ein konsolidierter operativer Verlust von 27,8 Millionen Franken, zuzüglich Abschreibungen auf Standbauten in Höhe von 6,8 Millionen Franken. Die Liste von Korrekturmaßnahmen reicht von neu- er operativer Führungs- und Organisationsstruktur, Kostensparprogramm von 20 Millionen Franken bis 2023, Reduzierung von Beteiligungen bis zur jetzigen strategischen Neuausrichtung des Unternehmens hin zu Messeplattformen und -communities der jeweiligen Branchen. Zur Finanzierung der dafür erforderlichen Investitionen in Digitalisierung, Innovationen und Internationalisierung werden als Optionen der Ein- stieg neuer Investoren auf Gruppenebene oder der Verkauf des Unter- nehmensbereiches „Live Marketing Solutions“ geprüft. Die aktuellen wirtschaftlichen Folgen der Coronaviruskrise haben nach jüngsten Meldungen keine Auswirkungen auf die eingeleitete Umsetzung der strategischen Neuausrichtung. epm Der Schweizer Messekonzern MCH Group, zu dem auch die MCH Messe Basel gehört, will sich fortan schwerpunktmäßig auf die Weiterentwick- lung der klassischen Messen zu „zukunftsorien- tierten Plattformen und Communities“ der jeweili- gen Branchen konzentrieren. Die Unterneh- mensuhr läuft weiter – wie an der Rund- hofhalle der Messe in Basel. Bild: Krommer
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5