Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember '19 - Hochrhein-Bodensee
12 | 2019 Wirtschaft im Südwesten 21 ANZEIGE das reicht von der Berufsorientierung in den Schulen bis zur Integration von Geflüchteten. Und Weiterbildung natürlich, Aufstiegsfortbildung, lebenslanges Lernen. Unternehmensgründungen begleiten, von der Idee über die Finanzierung bis zur Etablierung am Markt. Den Wissenstransfer von den Hochschulen in die Be- triebe forcieren, Kooperationen schmieden und – am anderen Ende des Zeitstrahles – auch die Nachfolge im Unternehmen sichern. Die Region schließlich hat großen Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur. Straße, Schiene, Breitband und Netzabdeckung sind definitiv defizitär. Flächen für Wohnbau und Gewerbe fehlen. Unangemessener Individualrechtsschutz blockiert notwendige Entwicklungen zulasten der Allgemeinheit. Der ländliche Raum muss das einfordern, was es braucht, wenn die Wirtschaftskraft des Landes nicht in die Ballungszentren zurückgedrängt werden soll. Und dafür braucht es eine authentische, vernehmbare Stimme der Wirtschaft. Unsere IHK hat in diesem Jahr eine neue Vollversammlung gewählt. Wir gehen mit einer neuen Mannschaft, die weiblicher und jünger geworden ist, die kommenden fünf Jahre an. Mehr denn je sind wir überzeugt, dass die Politik den Input aus der Unternehmerschaft schätzt, dass eine intakte Kommu- nikation die beste Basis für kluge Entscheidungen ist. Das Zusammenspiel von staatlicher Daseinsvorsorge und privatwirtschaftlicher Aktivität ist komplexer ge- worden – das belegen die Stichworte Breitbandausbau und Mobilfunknetzqualität oder – ganz aktuell – La- destationeninfrastruktur und Elektromobilität. Auch beim Thema Einkaufstourismus, das eine ganze Reihe unterschiedlicher, teils konträrer Interessen berührt, von der Arbeitsbelastung des Zolls über die Entwick- lung des stationären Einzelhandels bis zum Verkehr in den Innenstädten und dem Wohlbefinden ihrer Ein- wohner, war eine lösungsorientierte Kommunikation gefragt. Wir freuen uns sehr, dass es gelungen ist, hier nach langem Ringen einen vernünftigen Kompromiss Gesetz werden zu lassen und werden jetzt alle Kraft aufwenden, das überfällige digitale Verfahren für den Ausfuhrschein einzufordern. Schauen wir nach vorn. Was wird das Jahr 2020 prägen? Thomas Conrady: Wir sind nun seit 2008/2009 kon- junkturell zehn Jahre lang auf einer Welle des Erfolgs gesurft, und jeder Surfer weiß, dass auch die beste Welle irgendwann ausläuft. Und dass er sich dann wird anstrengen müssen, um eine neue Welle zu finden. Dazwischen ist Kraft, viel Arbeit, aber auch Kompetenz und Erfahrung gefordert. Aktuell sieht alles danach aus, dass wir in einer solchen Phase angekommen sind, wo eine große Welle ausläuft und noch nicht klar ist, wo und wie erfolgreich wir die nächste erwischen. Das gilt jedenfalls für das große Thema der Ablösung des Verbrennungsmotors, der uns ja über hundert Jahre begleitet hat, durch neue Antriebstechnologien – eine enorme Herausforderung nicht nur für die Fahrzeug- hersteller, sondern auch für die zahlreichen Zulieferer in unserer Region. Claudius Marx: Wir sind gut beraten, wenn wir drei Din- ge tun: erstens neue Entwicklungen ergebnisoffen an- gehen. Es ist noch keineswegs ausgemacht, wie wir uns in zehn Jahren bewegen werden und welche Technik dabei wo und in welchem Umfang zum Einsatz kommt. Viel spricht für ein Nebeneinander unterschiedlicher Lösungen. Politik sollte deshalb immer den Innova- tionsprozess als solchen unterstützen, aber nie das vermeintliche Ergebnis dieses Prozesses vorgeben. Zweitens sollten wir die Lösungen, die uns erfolgreich dahin gebracht haben, wo wir sind, nicht vorschnell über Bord werfen. Nicht, weil Totgesagte bekanntlich länger leben – der Dieselmotor lässt grüßen. Nein, weil es volkswirtschaftlich einfach unklug ist, eine Techno- logie zu verwerfen, bevor eine Anschlusstechnologie im Echtbetrieb, nicht nur im Labor, funktioniert. Das gilt für so ziemlich alles, was mit „Ausstieg aus …“ be- ginnt und politisch gerne mit verständlicher Ungeduld eingefordert wird. Und drittens sollten wir bei aller Freude am Wandel das nicht außer Acht lassen, was uns gestern, heute und morgen unverändert gut tut. Bil- dung gehört dazu, lebenslanges Lernen, Forschungs- förderung oder die Erhaltung einer leistungsfähigen Infrastruktur, generell alles, was Beschäftigung sichert und aufbaut, solche Dinge. Die Aus- und Weiterbil- dung zu intensivieren, Migranten zu integrieren und die Belegschaften unserer Mitgliedsunternehmen fit zu halten, die Region als Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen. Auf solche Themen konzentrieren wir uns als IHK. Wir wollen unsere ganze Manpower dafür einset- zen, unsere Mitglieder auch „zwischen zwei Wellen“ bestmöglich zu unterstützen. Interview: hw »Neu ist nicht der Wandel, wohl aber die Veränderungsge- schwindigkeit.« Thomas Conrady »Politik sollte immer den Innovationspro- zess als solchen unterstützen.« Claudius Marx
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