Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November '19 -Südlicher Oberrhein

11 | 2019 Wirtschaft im Südwesten 25 Grenzüberschreitendes Projekt „Eurostage“: Mehr als 370 elsässische Schüler, knapp 250 badische Betriebe Klassenfahrt mit Praktikum D ie Idee von IHK-Präsident Steffen Auer und Claude Fröhlicher, Präsident des Vereins Eltern Alsace, ist so simpel wie überzeu- gend: Elsässische Neuntklässler gehen für ihr Berufspraktikum in deutsche Unternehmen, lernen dabei die deutsche Arbeitswelt kennen, gleichzeitig können sich die badischen Betriebe als künftige Arbeitgeber vorstellen. Schließlich ist die Jugendarbeitslosigkeit im Elsass nach wie vor deutlich höher als in Baden-Württem- berg, während die deutschen Unternehmen Probleme ha- ben, ausreichend Fachkräfte zu finden. 2015 organisierten deshalb die IHK und der elsässiche Elternverein erstmals Praktika für elsässiche Neuntklässler in Unternehmen im Raum Freiburg. Mittlerweile hat sich das Projekt fast auf den ganzen IHK-Bezirk und darüber hinaus ausgebreitet – einige Schweizer Firmen beteiligen sich, die IHK Karlsruhe hat sich als Partner angeschlossen, und das europäische Interreg-Programm unterstützt die Mobilitäts- und Aufent- haltskosten mit einem fünfstelligen Betrag. Über diese För- derangebote und die Organisation der Praktika informieren die IHK und die Académie de Strasbourg, also sozusagen das elsässische Oberschulamt, die elsässischen Lehrer bei eintägigen Fortbildungen. In vielen elsässischen Schulen hat sich „Eurostage“ institutionalisiert. Das Collège Cernay beispielsweise schickt alle seine Neuntkläss- ler zum Praktikum nach Freiburg und Umgebung. „Für mich war es logisch, dass eine bilinguale Klasse ihr Praktikum in Deutschland macht“, sagte Deutschlehrerin Sandrine Koehrlen bei einem Pres- segespräch zum Projekt in der IHK in Lahr. Wäre es keine Pflichtver- anstaltung, würden viele davor zurückschrecken. So aber sei es ein gemeinsames Erlebnis. Die Klasse samt Lehrerinnen logiert in der Freiburger Jugendherberge, von wo aus die Jugendlichen mit öffentli- chen Verkehrsmitteln zu ihren Praktikumsplätzen fahren. So lernen sie gleich noch ein bisschen Selbstständigkeit. „Am Ende sind alle begeistert und wollen das zweispra- chige Abi-Bac machen“, berichtete Koehrlen. Wie lange die Begeisterung anhält und ob aus den fran- zösischen Praktikanten irgendwann Auszbildende oder Mitarbeiter in Deutschland werden, lässt sich noch nicht sagen. „Die deutschen Firmen müssen verstehen, dass es ein längerfristiges Engagment ist“, betonte Claude Fröhlich. Denn anders als in Deutschland, wo zwischen Berufspraktikum und Ausbildungsbeginn bei Realschü- lern nur ein oder zwei Jahren liegen, verlässt in Frankreich kaum ein Schüler die Schule vor dem Abitur. Der erste Jahrgang des grenzüberschreitenden Praktikums besucht jetzt die Abschlussklasse. Fröhlich glaubt, dass diejenigen, die mit 14 oder 15 Jahren Erfahrungen in der deutschen Arbeitswelt gesammelt haben, sich eher für eine Ausbildung hier entscheiden. Mit 18 oder 19 Jahren erstmals darüber nachzudenken, sei vielleicht schon zu spät. Darin sieht der „Eltern-Alsace“-Vorsitzende eine Erklärung für die bislang recht bescheidene Nachfrage nach binationalen Angeboten, obwohl man sich im Elsass sehr um die deutsche Sprache bemüht. Alle Kindergarten- und Grundschulkinder lernen Deutsch, und die Hälfte der weiterführenden Schulen bieten einen bilingualen Zug an. „Die Sprache ist wichtig, aber nicht das einzige Kriterium“, sagte Tanja Bohner-Auer von der Lahrer Firma Schwarzwald- Eisen, die sich seit 2017 an Eurostage beteiligt und eine Bil- dungspartnerschaft mit dem Lycée in Erstein betreibt. Die französischen Praktikanten profitierten davon, dass sie in deutschen Unternehmen richtig mitmachen dürfen. Bei Be- rufspraktika in Frankreich ist eher Zuschauen als Anpacken angesagt, das erklärt die Begeisterung der jungen Elsässer hierzulande. „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht“, be- richtete Bohner-Auer beim Pressegespräch. Die französischen Jugendlichen seien sehr motiviert, höflich und pünktlich, aller- dings zurückhaltender als die deutschen. „Sie brauchen ewas mehr Betreuung und manchmal einen Schubs“, sagte Bohner- Auer. Unter den 250 Mitarbeitern von Schwarzwald-Eisen sind bereits einige Franzosen, auch mit der grenzüberschreitenden Ausbildung hat das Unternehmen schon Erfahrung gesammelt. Nun wünscht Bohner-Auer sich, dass Eurostage fruchtet und „tatsächliche Auszubildende bei uns anfangen“. kat Es begann vor vier Jahren mit einer Schule, dreizehn Praktikanten und neun Betrieben. In diesem Schul- jahr möchten mehr als 370 Jugendliche von 22 elsässischen Schulen ihr Berufsschnupperpraktikum auf der anderen Seite des Rheins absolvieren. Knapp 250 deutsche und einige schweizerische Betriebe haben sich dafür angeboten. Die Zwischenbilanz von „Eurostage 2020“ fällt also positiv aus. IHK-Ansprechpartnerin für Unternehmen, die sich über eine Teilnahme am Projekt Eurostage informieren möchten: Karin Finkenzeller 0761 3858-190 karin.finkenzeller@ freiburg.ihk.de Partner und Beteiligte des Projekts Eurostage (von links): Claude Fröhlich (Eltern Alsace), Lehrerin Sandrine Koerner, Unternehmerin Tanja Bohner-Auer, Christine Fermin (Handwerkskammer), Schülerin Elif Yazici und Dominique Drouard (Académie de Strasbourg).

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