Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juli/August '19 -Südlicher Oberrhein

7+8 | 2019 Wirtschaft im Südwesten 27 IHK Südlicher Oberrhein REGIO REPORT K räftigere und häufigere klimatische Ereignisse bis 2050 – dies erwarten die französischen und deutschen Experten von Clim’Ability. Nicolas Scholze vom Geographischen Institut der Universität Freiburg spricht über „ambivalente Folgen“ für Un- ternehmen. Dabei zitiert er gerne den Fall der Logis- tik: „Einerseits können Starkregen und Hochwasser zum Beispiel Verkehrsabläufe stören und Lieferungen verzögern, Hitzewellen können Risse im Asphalt ver- ursachen und kosten langfristig Millionen. Anderer- seits bringt der Klimawandel auch Vorteile mit sich, beispielsweise die Reduzierung von Verkehrsbehin- derungen durch Schnee und Eis.“ Einigen Branchen bietet die Anpassung an den Wandel neue Chancen. So sieht Catherine Aubertin vom Pôle Textile Alsace etwa technische Textilien auf der Gewinnerseite, weil sie interessant für thermische Lösungen sind. Ein Beispiel: Die Firma Sempatap aus dem elsässischen Enisheim verwendet Faserv- lies als Unterstützung für ihre neue Luft- bläschenlatexisolierung. Als eines von zehn französischen Unternehmen präsentierte der Isolationsspezialist jüngst seine Lö- sungen auf der Fachmesse für technische Textilien „Techtextil“ in Frankfurt. Während viele große Unternehmen bereits eine Risikomanagementstrategie imple- mentiert haben, fehlen kleinen und mittle- ren Betrieben dafür häufig die Mittel. Hier kommt Clim’Ability ins Spiel, ein deutsch- französisches Projekt, das Unternehmen mit mehreren Tools zur Selbstdiagnose ausstattet. Dazu zählen Clima Diag und Clim’Ability Check, die eine Bestandsaufnah- me der Auswirkungen des Klimawandels, aber auch der sich daraus ergebenden Gesetzesentwicklungen ermög- lichen. Am Ende der Diagnose schlägt Clim’Ability eine erste Roadmap mit zu erreichenden Zielen vor. Catheri- ne Aubertin vom Pôle Textile Alsace hat die Toolbox von Clim‘Ability mit rund 20 Unternehmen der Textilbranche in der Vorschau getestet. Sie betont die Notwendigkeit, diese Selbstdiagnose mit mehreren Personen in unter- schiedlichen Positionen durchzuführen: „Viele vertraten ihr Geschäft allein und hatten nicht alle Antworten. Sie betonten, dass das Eigendiagnosetool effektiver wäre, wenn es von mehreren Personen aus verschiedenen Abteilungen des Unternehmens ausgefüllt würde.“ Auf deutscher Seite arbeitete Nicolas Scholze von der Uni- versität Freiburg mit seinen Kollegen von der Universität Koblenz-Landau an der Sammlung und Organisation von Daten zum Klimawandel. „Wir stellen in mehreren Tools lokalspezifische, hoch aufgelöste Informationen und Daten zur Verfügung, mit denen die Unternehmen ihre eigene Klimavulnerabilität abschätzen kön- nen“, erklärt Scholze. Clim’Ability zeigt die Entwicklung verschiedener Indikatoren wie der Niederschlagsmenge oder der Anzahl der Nächte über 20 Grad gemäß den vom IPCC vorgebrachten Szenarien an. Scholze beobachtet, dass einige Branchen bereits bewusster sind als andere. So würden bei- spielsweise im Wintertourismus oder in der Landwirtschaft bereits Anpassungsmaßnah- men an den Klimawandel diskutiert und umgesetzt. Im Schwarzwald und in den Vogesen laden milde Winter Tourismusfachleute dazu ein, sich nicht mehr auf das Skifahren zu konzentrieren und neue Aktivitäten zu entwickeln. Gleiches gilt für die Holzindustrie, in der steigende Temperaturen und extreme Witterungsver- hältnisse die Relevanz bestimmter Arten wie Fichte beeinträchtigen können. Pierre Pauma www.clim-ability.eu/de/ leistungen-fuer-unternehmen Es ist ein Paradigmenwechsel. Es geht nicht mehr nur darum, gegen die glo- bale Erwärmung zu kämpfen, sondern auch darum, sich jetzt an die Folgen anzupassen. Das deutsch-französische Projekt „Clim’Ability“ ermöglicht Unter- nehmen, eine erste Diagnose zu stellen und schlägt Lösungen vor. Die WiS arbeitet mit der elsässischen IHK-Zeitschrift „Point éco Alsace“ und dem Magazin „Wirtschaft in der TechnologieRegion“ der IHK Karlsruhe zusammen und veröffentlicht gemeinsame Beiträge wie diesen. Der Geograf Nicolas Scholze vor einer Karte, die die Klimavulnerabilität des Oberrheins zeigt. »Folgen des Klimawandels für Unter- nehmen sind ambivalent« Nicolas Scholze , Geographisches Institut der Universität Freiburg Deutsch-französisches Projekt Clim’Ability Die Klimavulnerabilität messen

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