Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'19 -Südlicher Oberrhein
Wirtschaft im Südwesten 6 | 2019 8 titel BAGATELLGRENZE Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, kön- nen Schweizer Bürger, die in Deutschland einkaufen, die bezahlte Mehrwertsteuer beim Verlassen des Landes zurückerstat- tet bekommen. Dafür müssen sie an der Grenze einen grünenAusfuhrkassenzettel ausfüllen. Im Gegenzug erhalten sie ei- nen Gutschein, den sie in dem Geschäft, in dem sie eingekauft haben, in Bares ein- tauschen können. Die Menge dieser grü- nen Zettel hat in den vergangenen Jahren (außer 2018) stark zugenommen und dem Zoll viel zusätzliche Arbeit beschert. Da- her lässt Bundesfinanzminister Olaf Scholz zurzeit prüfen, ob Schweizer Kunden die in Deutschland bezahlte Mehrwertsteuer erst ab einemWarenwert von 175 Euro an der Grenze zurückerstattet bekommen. Die Entwicklung und Einführung einer Aus- fuhrschein-App, die unter anderem von der regionalen Wirtschaft immer wieder gefordert wurde und die die Zöllner ent- lasten würde, lehnte er indes aus Kosten- gründen ab. DieVollversammlung der IHK Hochrhein-Bodensee hat sich Ende April gegen diese Überlegungen des Bundes- finanzministeriums ausgesprochen. Die Einführung einer 175-Euro-Grenze wäre ein „grobes Eigentor“, heißt es in der Re- solution. Die Vertreter der Wirtschaft an Hochrhein und Bodensee fordern stattdes- sen die beschleunigte Entwicklung und Implementierung eines digitalisiertenVer- fahrens bei der Ausfuhr. mae Die Resolution der Vollversammlung der IHK Hochrhein-Bodensee gibt es unter www.konstanz.ihk.de/eAKZ , einen Hintergrundartikel zum Thema unter www.wirtschaft-im-suedwesten. de, Rubrik Regio Report. die strategischen Weichen für die Zukunft des Hauses: „Wir haben schnell festgestellt, dass die Spezialisierung auf unsere Kernkom- petenz ganz wichtig ist. Der Kunde soll bei uns ein Einkaufserlebnis erfahren“, sagt Petra Hermann. Das fange bei der freundlichen Be- grüßung an und reiche über eine individuelle Beratung bis hin zur Auslieferung des passenden Instrumentes. „Und auch die optimale Betreuung danach ist für uns ein zentra- les Thema“, betont sie. Außerdem trat die Firma Steinway & Sons aus Hamburg an das Klavierhaus Hermann mit dem Angebot heran, die Marke zu führen. Seit vergangenem Sep- tember ist das Unternehmen eines von elf inhabergeführten Exklusivfachhändlern von Steinway-Flügeln und -Klavieren in Deutschland. Dies, die strategische Positionierung und die gefundene Nachfolgeregelung seien alle wichtig für die erfolgreiche Zukunft des Familienunternehmens. „Wir haben das Glück, dass unser Lebenswerk weitergeführt wird. Wohlwissend, dass unsere Tochter vor vielen neuen Herausforderungen stehen wird“, sagt Petra Hermann. Auch viele andere Einzelhändler treibt die Nachfolge um. Laut einer Umfrage des Handelsverbandes Baden-Württemberg beschäftigt das Thema rund 70 Prozent der Händler im Land. Während zwei Drittel von ihnen noch keinen Nachfolger gefunden haben, war ein Drittel bereits erfolgreich. Unternehmen im ländlichen Raum haben es häufig schwerer. Lena Häsler von der IHK Villingen-Schwenningen betont: „Wer sein Geschäftsmodell an das veränderte Einkaufsver- halten und die Digitalisierung angepasst hat, hat eine höhere Chance, einen Nachfolger zu finden.“ Digitale Sichtbarkeit und Spezialisierung Dass sehr viele Händler in der Region ihr Geschäftsmodell bereits geändert haben, zeigt die Befragung des Handelsverbands Südbaden: Ein Viertel betreibt danach einen Onlineshop, weitere zehn Prozent verkaufen Ware über Onlinemarktplätze. Thomas Kaiser von der IHK Südlicher Oberrhein gibt allerdings zu bedenken: „Onlinehandel ist nicht das Allerheilmittel.“ Ein eigener Webshop eigene sich zum Bei- spiel für Händler mit Nischenprodukten und Dienstleistungen, die nicht im Fokus von Anbietern wie Amazon stünden. Auch Bertram Paganini von der IHK Hochrhein-Bodensee betont: „Ein eigener On- lineshop ist personal- und kostenintensiv, das können sich die we- nigsten leisten.“ Die Website erlebnisreich zu gestalten, zum Beispiel mit einem virtuellen Rundgang durch den Laden, sei dagegen allen möglich, so Paganini. Das könne helfen, den Kunden überhaupt in das Geschäft zu bekommen – dies hält Thomas Kaiser für die größte Herausforderung für die Händler. „Sie haben dann eine Chance, wenn sie eine Nische finden, die nicht online abgedeckt werden kann“, sagt er und nennt Unverpackt-Läden als Beispiel. Lena Häsler empfiehlt außerdem, die passende Dienstleistung zum Produkt anzubieten – zum Beispiel eine 3D-Körpervermessung vor dem Matratzenkauf wie das Bettenhaus Alesi mit Standorten in Trossingen und Schramberg, oder das Ändern der gekauften Kleidung. All dies könnten Online- händler nicht bieten. Die Aufenthaltsqualität im Laden hält sie für ebenso wichtig wie gezieltes Onlinemarketing; ein erster Schritt sei, dass das Geschäft über Google auffindbar sei. Touristen stärker in den Fokus zu nehmen, empfiehlt Bertram Paga- nini. „Tagestouristen lassen viel Geld im Einzelhandel liegen. Diese Zielgruppe wird aber noch nicht genügend analysiert“, sagt er und plädiert dabei für eine Zusammenarbeit von Händlern mit Touris- mus- und Gastronomiebetrieben. „Die Innenstädte müssen noch mehr Überraschendes, Unterhaltsames bieten“, sagt er. »Der Kunde soll bei uns ein Einkaufserleb- nis erfahren« Petra Hermann , Klavierhaus Hermann, Trossingen Bild: Gina Sanders - Fotolia
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