Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe April'19 - Schwarzwald-Baar-Heuberg
4 | 2019 Wirtschaft im Südwesten 53 NEWS Messen mit Sonderangeboten über das ganze Jahr. Neuheiten finden sich am schnellsten sowie allgemein zugänglich im Internet. Ein Messetermin ist hierfür heute völlig zweitrangig. Längst kaufen immer mehr Konsumenten zum Nachteil der Publikumsmessen online ein. Und laut Konsumforschung verschiebt sich auch der Einzelhandel, also potenzielle Messeaussteller, immer mehr zum Onlinehandel hin. Erlebnismessen und regionale Identität Die veränderte Marktsituation verlangt neue zukunftsfähige Mes- sekonzepte. In diesem Zusammenhang wird häufig der Wandel der Verbrauchermessen von reinen Verkaufs- hin zu Informations- und Erlebnismessen gefordert. Dazu sollen Sonderschauen und Unter- haltung dienen. Schließlich ist der grundsätzliche Vorteil der Messen für Aussteller wie für Besucher der direkte persönliche Austausch. Damit ist eine wieder stärkere regionale Messeidentität verbunden. Die Messen sind Schaufenster der regionalen Wirtschaft und deren Leistungsfähigkeit und müssen umgekehrt ihr Angebotsspektrum auf spezielle regionale Bedürfnisse und Themen ausrichten. Son- derschauen und Rahmenprogramme reichen hier bis zur regionalen Traditionspflege. Darüber können sich die regiona- len Besucher mit „ihrer“ Messe als persönlichem Treffpunkt identifizieren. Und das grenzt die Ver- brauichermessen auch von den meist überregional einheitlichen Einkaufszentren und Handelsketten ab. Entsprechend zeigen sich nach den obigen Statistiken gerade die Mehrbranchen-Publikumsmessen im länd- lichen Raum mit breiterer regionaler Orientierung bei den Besucherzahlen robuster (etwa Offenburg und Villingen-Schwenningen) als die allgemeinen Publi- kumsmessen in den größeren Städten (etwa Basel und Straßburg). Die traditionellen Publikumsmessen der Region be- kennen sich zu Regionalität. Laut den Pressemitteilungen verstehen sie sich beispielsweise als „Treffpunkt der Region“ (Südwest Messe Villingen-Schwenningen) oder als „stabiler Anker für Tradition und regionale Identität“ (Oberrhein Messe Offenburg). In der prakti- schen Umsetzung reicht das von Bauernmärkten mit regionalen Spezialitäten vom Direktvermarkter über Schwarzwaldhalle und Kunstausstellung „Kosmos Schwarzwald“ (Oberrhein Messe) bis zum Messethema „Natürlich Regional“ mit Produkten, Dienstleistun- gen und regionalen Kulturinstitutionen (Baden Messe Freiburg) oder „Land und Leute – Ein Tag mit der Landwirtschaft“ (Südwest Messe). Nachhaltiger Mehrwert Neben erlebbarer Regionalität müssen die Messen die insgesamt angebotenen Produkte physisch wie emotional erlebbar präsen- tieren. Es gilt, immer mehr auf die Erfahrungswelt der Sinne zu setzen. Und das mit allem, was Livekommunikation zu bieten hat, von VR-Dome, Drohnenshows, interaktiven Installationen bis Liveevents. Im Mittelpunkt stehen Produkttrends und Neuheiten bis Lifestyle zum Anfassen und praktischen Ausprobieren für jedes Besucheralter, aber stets an die Bedürfnisse der jeweiligen Branche angepasst. So behaupten sich die Publikumsmessen kurzum als analoges Erlebnis in einer immer digitaleren Welt. In dieser Form schaffen sie für Besucher wie Aussteller einen nachhaltigen Erkennungs-, Erinnerungs- und schließlich auch geldwerten Mehrwert. Die produktbezogenen Inhalte der hiesigen Publikumsmessen stellen neben bewährten Artikeln tatsächlich deutlich auf Neu- heiten ab, dabei unter dem Aspekt des emotionalen Erlebnisses laut der Südwest Messe „nicht nur zum Ansehen, sondern gleich zum Ausprobieren“. Die Baden Messe in Freiburg setzt verstärkt auf interaktive Mitmachaktionen etwa im Gesundheitsbereich. Die IBO in Friedrichshafen sieht sich mit vielen Neuheiten/Premieren „nicht ganz, aber fast neu erfunden“. Das reicht von der wieder neu aufgelegten legendären IBO-Modenschau bis zur Vermittlung von Onlineerlebnissen im ersten digitalen Zukunftsraum der Messe. Produktvielfalt versus Fachausstellungen Zur besseren spezifischen Zielgruppenansprache geht an vielen Messeorten der Trend zur Ausgliederung einzelner Themen aus den großen Mehrbranchen-Publikumsmessen als Fachausstellun- gen, so genannten Special-Interest-Publikumsmessen. Oft zitierte erfolgreiche Beispiele sind die 1973 erstmals außerhalb der Muba durchgeführte Uhren- und Schmuckmesse, heute die nach wie vor weltweit führende „Baselworld“, oder die „Art Basel“, die wichtigste Kunstmesse der Welt. In Freiburg sind mehrere Verbraucherthemen der Baden Messe fast komplett in zeitlich separaten Special-Interest-Messen in Form von Eigen- oder ständigen Gastmessen aufgegangen. Dazu gehören die heutigen „Freizeitmessen Freiburg“, „Gebäude. Energie.Technik (Getec)“, „Gartenträume“, „Automo- bil“, „Plaza Culinaria“ (gastronomische Spezialitäten) oder die „Regio Agrar Baden“ mit zum Teil bisher in der Baden Messe angesiedelten landwirtschaftlichen Themen. Für das ganze Jahr bedeutet das für den Messestandort Freiburg unter dem Strich deutlich mehr Aussteller, Besucher und entsprechend mehr Umsatz. Indem aber für die Spezialmessen andere Durchführungstermine gewählt werden, etwa aus Kapazitätsgründen zur Organisation eines breiteren Angebots, ver- lieren die ursprünglichen Messen angesichts ausgedünnter Pro- duktvielfalt erfahrungsgemäß an Attraktivität. Um diese dennoch weiter zu gewährleisten, halten die hiesigen Publikumsmessen überwiegend an einem breiten Produktspektrum fest. Das zeigt sich in Friedrichshafen an den Verbrauchsgüter- Themenwelten der Frühjahrsmesse IBO zusammen mit, wohlge- merkt zeitgleichen, Special-Interest-Publikumsmessen „Garten & Ambiente Bodensee“, „Neues BauEn“, und „Urlaub Freizeit Reisen“. Der in Villingen-Schwenningen im Jahr alleinige „Mega-Marktplatz“ Südwest Messe vereint stets vor der Sommerpause verschiedene inhaltliche Messesektoren und Sonderschauen weiterhin unter einem Dach, womit man „rundum zufrieden“ ist. Gleiches verfolgt die Regio Messe in Lörrach mit oft regional bezogener Themenviel- falt. Die Herbstmesse Oberrhein Messe in Offenburg präsentiert sich mit mehreren Themenwelten einschließlich übergreifendem saisonbezogenen „Herbstzauber“ als „riesiges Shopping-Center mit Messe-Angeboten“. Die Offenburger Special-Interest-Publi- kumsmessen „Bauen Wohnen Garten“ und „Balance“ (Gesund- heit) finden zeitlich weit entfernt im Frühjahr statt. In Freiburg zielt das aktuell veränderte neue Messekonzept der Baden Messe anstelle für die ganze Familie jetzt speziell auf das Lebensgefühl der mittleren Generation ab, und das mit einem weiterhin breiten, dabei passenden Produkt- und Leistungsspektrum von Gesundheit, Ernährung, Hauswirtschaft bis Mode und Freizeit/Reisen von aus- gesuchten qualitativen Ausstellern. epm Publikumsmes- sen sind ein ana- loges Erlebnis in einer immer digitaleren Welt
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