Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe April'19 - Hochrhein-Bodensee
Wirtschaft im Südwesten 4 | 2019 22 REGIO REPORT IHK Hochrhein-Bodensee „ Firas Alshater zu Besuch in der IHK Normalität Vielfalt?! N ormalität Vielfalt?!“ Unter diesem Motto stand die interaktive Lesung mit Firas Alshater (27), zu der das Netzwerk „Unternehmen integrieren Flücht- linge“ und die IHK Hochrhein-Bodensee Mitte März in die IHK nach Konstanz geladen hatten. Knapp 30 Teilnehmer kamen, um die Geschichten rund um Als- haters neues Buch „Versteh einer die Deutschen!: Firas erkundet ein merkwürdiges Land“ zu hören. Alshater ist ein syrischer Schauspieler, Buchautor, Youtuber und vor über fünf Jahren von Syrien nach Deutschland geflüchtet. Noch bevor er das Wort ergreift und auf das Thema seines neuen Buches zu sprechen kommt, zeigt er in einem Filmbeitrag die Anfänge seiner Zeit in Deutsch- land. Darin wird sein Konflikt zwischen dem eigenen, neuen und sicheren Leben in Deutschland und den zeitgleichen kriegerischen Auseinandersetzungen in seinem Heimatland deutlich. Eine Kissenschlacht sei der erste Kampf, den er hier erlebt habe, so Alshater. Dass er überhaupt nach Deutschland gekommen ist, hat einen traurigen Hintergrund. Im Jahr 2011 starb sein Freund Tamer Alwan bei den Dreharbeiten zu der Dokumentation „Inside Syria“. Ende 2012 wurde Alsha- ter gefragt, ob er diese fertig editieren wolle. Daraufhin schloss er sich mit dem deutschen Filmproduzenten Jan Heilig zusammen und reiste zur Fertigstellung nach Berlin. Seine dortigen Erlebnisse vom Erstkontakt mit der Polizei über seine Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie bis hin zum ausschlaggebenden Ereignis für den Start seines Youtube-Kanals schildert Alshater in seinem neuen Buch. Polizisten seien in jedem Land gleich. „Du brauchst Papiere, hast du kein Papier bist du gar nicht hier“, so seine Schlussfolgerung. Er berichtet von seinem Antrag auf Asyl, bei dem er im Schnellverfahren Verträge mit Vorgaben unterzeichnen musste, deren Inhalt er nicht einmal verstand. Darunter waren auch Vorgaben, die ihn daran hinderten zu ar- beiten, einen Sprachkurs zu belegen oder die Stadt zu verlassen. Nur Tage nach dem Antrag erhielt er einen Brief des Jobcenters in sein Flüchtlingsheim. Dessen Inhalt war jedoch so von deutscher Bürokratie geprägt, dass ihn nicht einmal Deutsche verstanden hätten, berichtet er. Die größten Unterschiede zwischen den beiden Ländern seien ihm bei den Bundestagwahlen bewusst gewor- den. Alshater spricht in lustiger Art und Weise über die einfache Handhabung der Wahlen in Syrien. Während die Menschen in Deutschland von den vielen Wahlmög- lichkeiten überfordert seien und gar nicht mehr wüss- ten, wo sie das Kreuz setzen sollten, sei in Syrien bei anstehenden Wahlen bereits alles im Vorfeld ausgefüllt worden. Dies sei für die Wähler sehr viel einfacher, da sie den Wahlzettel nur noch in die Urne legen müssten. In Syrien gebe es generell nur eine Partei, diese Demo- kratie sei sehr übersichtlich, so der Syrer. All dies erzählt er selbstverständlich mit einem Augenzwinkern. Freie Wahlen bezeichnet Alshater als den größten Gewinn, den es für ein Land geben könne. Als im Jahr 2014 die Organisation Pegida sich zu for- mieren begann und durch die Städte zog, entschied er sich ein Experiment zu starten um herauszufinden, wie diese Deutschen eigentlich sind – offenherzig oder abweisend. In dem Experiment stellte er sich mit ver- bundenen Augen und mit einem Schild in der Hand, auf dem er um eine Umarmung bat, auf den Berliner Alexanderplatz. Zuerst reagierte niemand, doch spä- ter umarmten ihn viele Menschen. Das Video wurde hunderttausendfach geklickt und verbreitete sich wie ein Virus. Selbst TV-Sender in China berichteten über Alshater. An das Buch, das er daraufhin veröffentlichte („Ich komm auf Deutschland zu: Ein Syrer über seine neue Heimat“), hatte er keine großen Erwartungen – doch es wurde ein Erfolg. Auf die Frage, wie er auf Anfeindungen reagiert, sagt er: ,,Wenn man Hass mit Humor bekämpft, bekommt man ein Lächeln.“ Und auf die Frage, was Alshater am meisten an Deutschland vermisst, antwortet er: „Einfach zu leben wie ich will.“ Bei dem Austausch nach der Lesung sind sich die Teilnehmer einig, dass Flüchtlingen nicht immer nur mit der deutschen Per- spektive begegnet werden dürfe, sondern man sein Blickfeld selbst erweitern müsse. sho Selfie in der IHK in Konstanz: Firas Alshater (vorne) hält sich, Moderatorin Sarah Stro- bel vom Netzwerk Unterneh- men integrieren Flüchtlinge, Jan Vollmer von der IHK (neben ihm) und die Gäste seiner Lesung im Bild fest.
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