Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'19 - Südlicher Oberrhein
Wirtschaft im Südwesten 2 | 2019 22 REGIO REPORT IHK Südlicher Oberrhein IHK-Berufsbildungsausschuss spendet Sitzungsgeld an die Jugendhilfe „Timeout“ in Breitnau Ein Stück Heimat auf Zeit S eit einigen Jahren verzichten die ehrenamtlichen Mitglieder des IHK-Berufsbildungsausschusses auf ihre Sitzungsgelder und Fahrtkostenzuschüs- se, um sie stattdessen an soziale Institutionen zu spen- den, die sich für Kinder und Jugendliche einsetzen. Die Summe aus dem Sitzungsjahr 2018, exakt 2.332,20 Euro, ging an die Timeout Jugendhilfe, eine gemeinnüt- zige GmbH in Breitnau im Hochschwarzwald. Schulverweigerung, Probleme im Elternhaus und in der Gesellschaft sind meist die Gründe, die Kinder und junge Erwachsene auf das Hofgut Rössle von Timeout führen. Derzeit befinden sich 16 Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 18 Jahren dort. „Immer häufiger erfahren Jugendliche durch nicht konformes Verhalten eine Stig- matisierung und verlieren in der Folge an Selbstwert“, berichtet Daniel J. Götte, Leiter der Einrichtung. Ziel von Timeout ist es daher, zunächst den Lebensmut der Jugendlichen zu steigern, Talente zu entdecken sowie ihre Neugier auf die Schule wieder zu wecken. Wie das funktioniert? Zunächst „dürfen“ die Jugendlichen drei Monate lang nicht zur Schule gehen. „Diese Phase dient der Akklimatisierung und der Etablierung eines neuen Lebensrhythmus’, der die Jugendlichen aus der Krisensituation abholen soll“, erklärt Hubert Schwizler, der für die schulische Leitung bei Timeout in Breitnau verantwortlich ist. Konkret bedeutet das für die Ju- gendlichen, die aus dem Landkreis und dem gesamten Bundesgebiet stammen, dass sie auf dem Hofgut Rössle zunächst meist eine große Umstellung erfahren: Bis zur nächsten Bushaltestelle sowie zum nächsten Tante-Emma-Laden sind es jeweils fünf Kilometer, Nachbarn gibt es kaum, und auch der Handyempfang ist mitten im Hochschwarzwald eher dürftig. In der Einrichtung lernen die Jugendlichen, sich durch sinnvolle Tä- tigkeiten in die Gemeinschaft einzu- bringen. Nach einem strengen Tages- rhythmus, der um sechs Uhr morgens beginnt, wird von ihnen erwartet, in der Einrichtung mitzuarbeiten. Dazu gibt es verschiedene Angebote in der Forst-, Land- oder Hauswirtschaft. So müssen beispielsweise die Kühe zwei- mal täglich gemolken, das Mittagessen für alle Hausbewohner muss gekocht werden, und auch in der angrenzenden Holz- und Metallwirtschaft gibt es im- mer etwas zu tun. Über die Erfolge bei der Arbeit sam- meln die Jugendlichen neue Kraft, entdecken neue Interessen und entwi- ckeln ein Gemeinschaftsgefühl. „Und meist kommt dann die Frage, wann sie wieder zur Schule gehen dürfen, bei den Jugendlichen ganz von selbst“, weiß Götte. In Absprache mit Lehrern und Erziehern dürfen sie im nächsten Schritt selbst bestimmen, in welchem Umfang und Tempo sie wie- der an Schulangeboten teilnehmen. Durchschnittlich verbringen die Jugendlichen zwei Jahre bei Timeout und werden von Pädagogen, Sozialpädagogen und Er- ziehern betreut. Götte: „Wir bieten den Jugendlichen einen sicheren Ort und eine Heimat auf Zeit.“ Neben der Wiedereingliederung in eine Gemeinschaft und das Schulsystem erhalten die Jugendlichen in der Einrichtung Hilfe bei der Berufsorientierung und der Suche nach Praktika, damit sie sich nach ihrem Aufenthalt weiterentwickeln können. „Unser System stempelt zu schnell ab und ist nicht dazu geeignet, diese speziellen Talente zu fördern. Dabei sind unter den zehn Prozent Schulverweigerern in Deutschland viele Querdenker und Kreative, die mutig ihre Ziele verfolgen und sich nicht scheuen, neue Wege aus- zuprobieren. Damit bringen sie also genau das mit, was in der Industrie, auch in Zeiten des Fachkräfte- mangels, gesucht wird“, sagt Götte. Der Erfolg gibt ihm recht: Viele der Jugendlichen, die die Einrichtung verlassen, schließen eine Ausbildung ab und meistern den Einstieg ins Berufsleben. „Einer davon hat sogar später einen Abschluss in Cambridge geschafft“, be- richtet Götte. heo Bei der Spendenübergabe: Hans-Peter Menger, stellvertretender Vorsitzender des IHK-Berufsbildungsaus- schusses, Simon Kaiser, Leiter Aus- und Weiterbildung der IHK, Günter Thiem, Vorsitzender des Bildungs- ausschusses (von links), mit Daniel J. Götte, Leiter von Timeout (Mitte), Katrin Veigel-Götte, Erziehungslei- terin (2. von rechts), Hubert Schwizler, Schulleiter von Timeout (rechts), und zwei ihrer Schützlinge.
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