Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'18 - Südlicher Oberrhein

Wirtschaft im Südwesten 12 | 2018 24 REGIO REPORT   IHK Südlicher Oberrhein Fachkräftemangel und Einwanderungsgesetz „Das Thema ist dramatisch“ D er Fachkräftemangel treibt die Wirtschaft in der Region zunehmend um. In der jüngsten Konjunkturumfrage der IHK gaben 60 Prozent der Unternehmen an, dass sie offene Stellen im ei- genen Unternehmen längerfristig nicht besetzen können. „Das Thema ist wirklich dramatisch“, sag- te IHK-Präsident Steffen Auer Ende Oktober bei der Vorstellung der Umfrage. Die Schwierigkeiten, Leute zu finden, führten schon zu gegenseitigen Abwerbeversuchen und in der Folge zu steigen- den Gehältern. Gesucht sind laut Umfrage allen voran beruflich ausgebildete Fachkräfte (55 Pro- zent der Befragten) und Fachwirte (37 Prozent), Hochschulabsolventen (29 Prozent) dagegen kaum häufiger als ungelernte Kräfte (28 Prozent). Zu diesem Ergebnis passt die Antwort der Unter- nehmen: Aus- und Weiterbildung landen auf Platz eins und zwei der genannten Gegenmaßnahmen, die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität auf dem dritten. Die neuen Fachkräfte kommen häu- fig aus dem Ausland. Vor allem aus den jüngsten, osteuropäischen EU-Mitgliedsländern zogen in den vergangenen Jahren viele Menschen nach Baden-Württemberg. Knapp eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze sind zwischen 2012 und 2017 entstanden, die Hälf- te davon wurde mit ausländischen Fachkräften besetzt. Äußerst international ist beispielsweise das Personal eines der größten privaten Arbeitgeber der Region – die Mitarbeiter des Europa-Parks stammen aus 55 Nationen. Rund 1.500 Personen beschäftigt der Freizeitpark in Rust fest, während der Saison sind es insgesamt über 3.800, davon kommen etwa zwanzig Prozent aus dem wenige Kilometer entfernten Elsass. Personalchef Armin Schmidt sucht permanent Mitar- beiter, vor allem für die Gastronomie und Verkäufer. Schmidt macht heute Dinge, an die er vor zehn Jahren noch nicht einmal gedacht hat. Beispielsweise baut der Europa-Park gerade wieder mehr als 200 Appart- ments für Mitarbeiter, vor allem osteuropäische, und investiert dafür etwa fünf Millionen Euro. Rund 350 Wohnungen gehören dem Europa-Park bereits, ähnlich viele mietet er. In der Slowakei hat er einen sechsstel- ligen Betrag in ein Rekrutierungsbüro gesteckt, einen weiteren sechsstelligen Betrag in Busverbindungen in der Region, damit Mitarbeiter auch ohne Auto an ihren Arbeitsplatz kommen können. Diensträder gibt es ebenfalls längst. Und die parkeigene Akademie bie- tet nicht mehr nur Fremdsprachen, sondern nun auch Deutsch als Fremdsprache an. Aktuell steht Schmidt indes vor einer besonderen Herausforderung: Er muss etwa 700 zusätzliche Mitarbeiter für den neuen Was- serpark und das dazugehörige Hotel finden. Zusammen mit der normalen Fluktuation rechnet der Personalchef mit annähernd tausend zu besetzenden Stellen in den kommenden zwei Jahren. „Das schaffen wir nicht allein im Osten“, sagte Schmidt. „Arbeitskräfte aus Drittlän- dern zu rekrutieren, ist für uns unabdingbar.“ Weil sich die Beschäftigung von Menschen aus so- genannten Drittländern, also nicht EU-Staaten, we- sentlich schwieriger gestaltet, fordern die IHKs und andere Wirtschaftsverbände schon lange ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Ein solcher rechtlicher Rahmen nimmt nun Kontur an. Nachdem CDU und SPD die gesetztliche Regelung der Zunwanderung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat- ten, beschloss das Kabinett kürzlich die Eckpunkte dafür. IHK-Experte Norbert Uphues begrüßte, dass nicht nur Akademiker, sondern auch beruflich Qualifizierte darin eingeschlossen sind. Kritisch sieht er dagegen die geplanten Regelungen für Visas zur Arbeitssuche, weil die zu hohe bürokratische Hürden beinhalteten. IHK-Präsident Auer warnte davor, den gleichen Fehler wie bei der Bluecard vor einigen Jahren zu machen. „Das muss irgendwie machbar lau- fen“, mahnte Auer. Die Bürokratie müsse einfach und die Sprachanforderung zu bewältigen sein. Das sieht der Europa-Park-Personalchef genauso: „Wir müssen die Arbeitserlaubnis deutlich entbürokratisieren“, sagte Schmidt. Schließlich helfe gerade der Arbeitsplatz bei der Integration. kat »Arbeitskräfte aus Drittländern sind für uns unabdingbar« Bild: Coloures-Pic - Fotolia

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5