Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'18 - Südlicher Oberrhein

10 | 2018 Wirtschaft im Südwesten 29 Peter Cleiß und seine Beruflichen Schulen in Kehl Die Brückenbauer W ie bei jedem großen Projekt steckt auch hinter dem Angebot einer deutsch-fran- zösischen Berufsschule innerhalb der Be- ruflichen Schulen in Kehl (BSK) eine treibende Kraft. Schulleiter Peter Cleiß ist seit Jahren in zahllosen deutsch-französischen Initiativen und Projekten en- gagiert. Er hat mit seiner großen Schule (rund 1.500 Schülerinnen und Schüler) schon früh den Schritt ins Elsass gewagt und dort hervorragend funktionie- rende Kooperationen gestartet, lange bevor solche Initiativen von der großen Politik positiv begleitet wurden. Die Qualität der Arbeit, die in Kehl geleistet wird, ist auch in Paris und Berlin erkannt worden – 2017 wurde die Schule mit dem prestigeträchtigen „Prix Adenauer - de Gaulle“ ausgezeichnet. Die Philosophie, die hinter diesem ehrgei- zigen Kooperationsprogramm steckt, fasst Cleiß so zusammen: „Weil die Grenzstadt am Oberrhein, gegenüber von Straßburg gelegen, jeden Wimpernschlag in den deutsch-französischen Beziehungen zu spüren bekommt, gehören grenzüber- schreitende Partnerschaften und Koope- rationen seit langen Jahren zum Schul- programm der BSK.“ Das Netzwerk, das Cleiß und sein hoch engagiertes Team in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, umfasst nicht nur die besten Schulen im Elsass (und in anderen französischen Regionen), sondern auch Or- ganisationen aus der Zivilgesellschaft, wie die beiden führenden Sportvereine in Straßburg, die SIG (Bas- ketball) und den Racing Club de Strasbourg (Fußball). Mit den Netzwerkpartnern führen die BSK gemein- same deutsch-französische Projekte, Exkursionen, Betriebsbesichtigungen, Schülerpraktika und einen Lehreraustausch durch. Und an den Beruflichen Schu- len Kehl können die Schüler europaweit anerkannte Zertifikate erwerben, darunter das Euregio- und das KMK-Zertifikat. Nicht weniger als 20 Partnerorgani- sationen arbeiten eng mit den BSK zusammen und schaffen das, was die Politik seit Jahren fordert: die deutsch-französische Integration des Ausbildungs- und Arbeitsmarkts. So wundert es auch wenig, dass man die BSK überall im Elsass antrifft, beispielsweise als Aussteller bei der Fachmesse „Salon Formation Emploi“ in Colmar, an der keine andere deutsche Berufsschule teilge- nommen hat. Diese enorme Präsenz vor Ort, die dem außergewöhnlichen Engagement des gesamten Schul- teams zu verdanken ist, ermöglicht den BSK auch eine ganz konkrete Unterstützung der Schüler, beispiels- weise wenn es darum geht, einen Praktikumsplatz oder Ähnliches zu finden. Das Angebot an die Schüler geht weit über das hinaus, was man eigentlich von einer Schule erwarten dürfte. Um den Austausch über die Grenze hinweg zu fördern, organisiert die Schule Besuche von Fußballspielen des Racing Club de Strasbourg, von Spielen der Basketball-Cracks der SIG oder auch der Straßburger Shoppingcenter. Dabei lernen die Jugendlichen auch ganz praktische Dinge, wie das Lösen von Tickets für die Straßburger Tram (was erstaunlich kompliziert ist!) oder wie man auf Französisch Gespräche mit dem Verkaufspersonal in Straßburg führt. Die BSK und ihr Team bauen Brücken, unsichtbar zwar, doch enorm solide. In einer Region, in der vor weniger als einem Jahrhundert noch blutige Bruderkriege tob- ten, die tiefe Narben in fast allen Familien hinterlassen haben, ist diese Integration enorm wichtig, denn die Zu- kunft am Oberrhein kann nicht anders als deutsch-fran- zösisch und europäisch sein. Genau das hat jetzt auch die Politik erkannt und denkt laut darüber nach, in wel- cher Form die Beruflichen Schulen Kehl Eingang in den neuen deutsch- französischen Freundschaftsvertrag „Elysee 2“ finden werden. Unter- stützt von Regierungspräsidium, Schulamt und der Académie de Strasbourg, mit denen gemeinsame Zielvorgaben entwickelt werden, ist die Anerkennung der BSK auf loka- ler und regionaler Ebene schon lange gegeben. Dass nun auch Paris und Berlin die bedeutende Rolle dieser ungewöhnlichen Schule würdigen für die Entwicklung der gesamten Oberrhein-Region, aber auch für die deutsch-französischen Beziehungen im Allgemeinen, stimmt optimistisch. Denn hier in Kehl wird erstmals eine ganze Schülergeneration nach einem deutsch- französischen Muster ausgebildet. Die Brücken, die dabei gebaut werden, bilden die Grundlage für eine ge- meinsame deutsch-französische Zukunft am Oberrhein. Ein Beispiel, dem viele andere gerne folgen dürfen… Kai Littmann Der Beitrag der Beruflichen Schulen Kehl zur deutsch-französischen Zusam- menarbeit wird inzwischen von höchster Stelle anerkannt. Zu Recht. Die WiS arbeitet mit der elsässischen IHK- Zeitschrift „Point éco Alsace“ und dem Ma- gazin „Wirtschaft in der TechnologieRegion“ der IHK Karlsruhe zusam- men und veröffentlicht in loser Reihenfolge gemeinsame Beiträge wie diesen. Der Autor ist deutsch-französischer Jour- nalist. Er hat eine tägliche Radio-Chronik auf Radio France Bleu Alsace, schreibt für Eurojournalist.eu sowie Mediapart.fr und wirkt regelmäßig bei Fernsehsendungen auf France 3 und anderen Sendern mit. Der Autor mehrerer Bücher wie „Der Eu- rodistrikt. Ganz einfach“ ist auf deutsch- französische Fragen spezialisiert. »Wir bekommen jeden Wimpern- schlag in den deutsch-französi- schen Beziehun- gen zu spüren«

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