Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'18 - Südlicher Oberrhein

9 | 2018 Wirtschaft im Südwesten 21 IHK Südlicher Oberrhein REGIO REPORT F ür Unternehmen in der Region ist Fachkräftemangel der Risikofaktor Nummer eins. Sechs Unternehmen aus der Ortenau gehen dieses Problem nun an, indem sie un- und angelernte Mitarbeiter nachqualifizieren. Unterstützt werden sie dabei von der Agentur für Arbeit Offenburg, der IHK Südlicher Oberrhein und dem IHK-Bil- dungszentrum Südlicher Oberrhein. „Heute sind wir in der Region nahe an der Vollbeschäftigung“, sagt Horst Sahrbacher, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg. Der Markt der Fachkräfte ist leer gefegt. Und die etwa 61.000 Arbeitskräfte, die in den kommenden Jahren aus Altergründen ausscheiden, zu ersetzen, wird damit schwierig. Sahrbacher: „Warum also nicht das Potenzial nutzen, das da ist?“ Immerhin sind 25.000 der 176.000 sozialversicherungspflichtig Be- schäftigten in der Region ohne Abschluss. Beim Druck- haus Kaufmann, bei Galvanoform und Schwarzwald Eisenhandel in Lahr, bei Neugart in Kippenheim sowie bei Tesa und Hydro Extrusion in Offenburg sind einige dieser Personen ohne Abschluss beschäftigt. Zwölf von ihnen haben nun ein IHK-Zeugnis als Maschinen- und Anlagenführer in der Tasche. 2016 war Horst Sahrbacher auf IHK-Präsident Stef- fen Auer, zugleich Geschäftsführer von Schwarzwald Eisenhandel, zugegangen, und das Projekt kam ins Rollen. Sahrbacher: „Wichtig dabei war das IHK-Bil- dungszentrum Südlicher Oberrhein als Partner bei der Durchführung.“ Roswitha Mühl, die Leiterin der IHK-Tochter, kümmerte sich um die Konzeption der Nachqualifizierung. Mühl: „Der Lehrgang verteilt sich auf vier Module, durchgeführt in elf Blockwochen innerhalb eines Jahres.“ Inhaltlich ist er nah am Be- darf der sechs beteiligten Unternehmen ausgerichtet. Gleichzeitig muss der Unterricht den Anforderungen der Abschluss- prüfungen gerecht werden. Denn alle Absolventen haben die Nach- qualifizierung mit einer IHK-Prü- fung beendet und halten nun ein IHK-Zeugnis in den Händen wie jeder andere Maschi- nen- und Anlagenführer auch. „Alle zwölf Absolventen mussten als Voraussetzung für ihre Teilnahme mindes- tens viereinhalb Jahre Berufserfahrung als Hilfskraft im Bereich Maschinen- und Anlagenführer vorweisen. Mit dieser langen Zeit der Praxiserfahrung zusätz- lich zu den Qualifizierungsmodulen ist der Abschluss gleichwertig mit dem üblichen Ausbildungsweg“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Kempff. Finanziert wird das Projekt über das Programm Weiter- bildung Geringqualifizierter und beschäftigter Arbeitneh- mer in Unternehmen (WeGebAU) der Agentur für Arbeit Offenburg. „150.000 Euro haben wir investiert“, sagt Sahrbacher. Mit dem Geld hat die Agentur die Lehrgangs- gebühren sowie 75 Prozent der Lohnkosten der Teil- nehmer während der Schulungszeit getragen, den Rest sowie den personellen Ersatz übernahmen die Betriebe. Geschäftsführer Markus Kaufmann vom Druckhaus Kauf- mann gesteht, dass er anfangs Vorbehalte hatte. „Ich dachte, da wird nur gefeilt und gehobelt, das brauchen unsere Leute doch gar nicht.“ Schließlich machte er doch mit, auch aufgrund der auf die Unternehmen ab- gestimmten Konzeption. Neugart-Personalleiterin Jutta Maurer ist überzeugt von der Maßnahme: „Bei uns gibt es viele branchenfremde Mitarbeiter mit Potenzial. Des- halb hoffen wir, dass das Projekt langfristig läuft.“ Teil- nehmer Konstantin Richter von Neugart freut sich über die neue Gehaltsgruppe. Dabei sei ihm das Lernen 15 Jahre nach Schulabschluss nicht immer ganz leichtge- fallen. Daniel Alilovic, Teilnehmer von Hydro Extrusion, ist stolz auf sein Zeugnis: „Jetzt habe ich auch wirklich die Berechtigung, diesen Job zu machen.“ Im Unternehmen von IHK-Präsident Steffen Auer gibt es auf dem Gebiet der Maschi- nen- und Anlagenführer einige angelernte Kräfte. Doch reicht es nicht für das Einrichten einer Klasse. „Das war letztendlich die Idee: Wir bilden eine Firmenge- meinschaft, um eine Klasse zu füllen. Dazu hat dann das IHK-Bildungszentrum auch noch unsere Vorstellungen berücksichtigt.“ Auers Mitarbeiter Friedrich Anatoli moti- viert das IHK-Zeugnis, weiter die Schulbank zu drücken. Diese Möglichkeit besteht nun laut Roswitha Mühl tat- sächlich für die Absolventen: „Mit drei weiteren Modulen kann der Industriemechaniker aufgesetzt werden.“ Die Maßnahme läuft bereits zum zweiten Mal mit 14 Teilnehmern. Sie wollen im Sommer 2019 das Zeugnis als Maschinen- und Anlagenführer erhalten. IHK-Haupt- geschäftsführer Kempff: „Dieser Beruf muss nicht der einzige sein, in dem wir Hilfskräfte zu Fachkräften aus- bilden. Wenn sich Unternehmen finden, lässt sich die Maßnahme auf fast alle Berufe ausweiten.“ Und Sahrba- cher sagte: „Ich möchte alle Arbeitnehmer und Arbeit- geber auffordern, die Möglichkeiten, die wir durch das Programm ,WeGebAU‘ haben, zu nutzen.“ naz Strahlende Gesichter zum Abschluss der Nachqualifizierung (v.l.): Karin Boetzer und Markus Kaufmann vom Druckhaus Kaufmann, Teilnehmer Konstantin Richter, Andreas Kempff (IHK), Teilnehmer Iulian Moanga, Horst Sahrbacher (Agentur für Arbeit), Teilnehmer Daniel Alilovic, Jutta Maurer von Neugart, Schwarz- wald-Eisenhandel-Geschäftsführer und IHK-Präsident Steffen Auer, Roswitha Mühl (IHK-Bildungs- zentrum), Erwin Musiol von Hydro Extrusion und Teilnehmer Friedrich Anatoli. »Abschluss gleichwertig mit üblicher Ausbildung« Projekt von IHK, IHK-Bildungszentrum und Agentur für Arbeit Offenburg Aus angelernten Mitarbeitern werden Fachkräfte

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