Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'18 - Schwarzwald-Baar-Heuberg

Wirtschaft im Südwesten 9 | 2018 24 REGIO REPORT IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg Herr Wittmann, haben sich die Schüler, ihr Verhalten, ihre Einstellungen und Werte in den letzten beiden Jahrzehnten eigentlich stark verändert? Rainer Wittmann: Junge Menschen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten einer massiv veränderten Welt ausgesetzt gesehen. Bei uns an den Beruflichen Schulen sieht man das explizit beispielsweise an der schwächeren Lesekompetenz der Schüler. Aber auch die Konzentrationsfähigkeit und die Konzentrationsbereitschaft haben stark abgenommen. Wir le- ben in einer Zeit, in der man mit einer Fernbedienung in der Hand groß werden kann. Auch willige Schüler schalten daher oft nach wenigen Minuten ab, weil sie dem traditionellen Fron- talunterricht nicht mehr folgen können. Deswegen muss sich auch der Unterricht in Richtung Selbstorganisation verändern, und er tut es auch. Welche Rolle spielt die gesellschaftliche Entwicklung, wenn man nur an die Digitalisierung denkt? Rainer Wittmann: Kinder sind stark dem Einfluss der digitalen Welt ausgesetzt. Hinzu kommt: Kinder erziehen sich immer weniger un- tereinander, es gibt immer weniger Geschwisterkinder. Es fehlen oft ältere Kinder, die sich um die jüngeren kümmern können und so die Eltern entlasten. Auf der anderen Seite haben wir die Helikopterel- tern und deren Erwartungen an ihre Kinder. Eine Folge ist , dass wir in den Schulen und den Betrieben immer häufiger belastete junge Menschen vor uns haben. Psychische Erkrankungen bei jungen Menschen werden uns in der Zukunft viel massiver beschäftigen, vielleicht mehr als Drogen. Wir dürfen die Schulsozialarbeit deshalb nicht zurückfahren, wir müssen noch viel mehr zusammenarbeiten, beispielsweise mit den therapeutischen Einrichtungen. Wichtig ist mir insgesamt folgendes: Die Kinder sind nicht dümmer als früher, INTERVIEWPARTNER Rainer Wittmann, Evangelischer Theo- loge, unterrichtet seit Mitte der 1980er- Jahre an Beruflichen Schulen. Neben sei- ner Unterrichtstätigkeit und der Tätigkeit als schulpsychologischer Beratungslehrer engagierte er sich unter anderem in der Verbandsarbeit. Er kam 2009 als Leiter einer privaten Beruflichen Schule in den Schwarzwald-Baar-Kreis, wechselte dann in die Schulleitung der Kaufmännischen Schule nach Hausach; von dort kam er im Sommer 2018 nach Villingen und damit zurück in den Schwarzwald-Baar-Kreis. Martina Furtwängler , Diplom-Volks- wirtin, war in der privaten Wirtschaft bis zum Jahr 2000 als Volkswirtin beschäftigt und ist seitdem bei der IHK Schwarzwald- Baar-Heuberg im Bereich der beruflichen Ausbildung tätig. Die Betreuung und Be- ratung der Ausbildungsbetriebe sowie die Abnahme von Abschlussprüfungen stehen genauso stark im Fokus wie die Fachkräf- tegewinnung für unsere Region. Haupt- sächlich engagiert sie sich in Projekten für die Kernthemen der beruflichen Bildung. » Junge Menschen sind einer massiv veränderten Welt ausgesetzt « Die duale Ausbildung in Berufsschulen und Unternehmen findet im Spannungsfeld von Digital Natives, Helikoptereltern und schlechterer Lehrerversorgung im ländlichen Raum statt. Rainer Wittmann, Leiter der Kaufmännischen Schulen in VS-Villingen, und Martina Furtwängler, IHK-Geschäftsbereichsleiterin Bildung und Qualifizierung, schildern ihre Erfahrungen mit der derzeitigen Situation an der Basis. Den ersten Teil des Gesprächs haben wir in der Juli-Ausgabe abgedruckt, hier folgt Teil 2. Zweiter Teil des Interviews mit Rainer Wittmann und Martina Furtwängler

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