Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juli'18 - Schwarzwald-Baar-Heuberg

7+8 | 2018 Wirtschaft im Südwesten 31 IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg REGIO REPORT Schüler können über den ÖPNV nicht einfach mal große Strecken überwinden, um in andere Schulen zu kommen. Und man muss auch se- hen, dass gute gewerbliche Lehrer nicht mehr so einfach zu finden sind. Das verschärft die Situation zusätzlich, vor allem in Zeiten guter Konjunktur. Gerade die gewerbliche Wirt- schaft hat für solche Lehrer eine große At- traktivität und ist eine berufliche Alternative. Kann und soll man denn unter allen Umständen jede Kleinklasse erhalten? Schließlich muss das ja auch durch die Allgemeinheit finanziert werden. Martina Furtwängler: Wenn ich gewisse Berufe nicht mehr in der Region halte, dann werden diese Berufe irgendwann nicht mehr ausgebildet. Die Jugendlichen fangen mit 16, 17 Jahren eine Ausbildung an und schauen sich natürlich vorher an, ob sie überhaupt die Schule erreichen. Und dann lassen sie möglicherweise die Ausbildung in solchen Berufen und suchen sich eine Alternative. Auf der anderen Seite sagen die Unternehmen: In diesem Beruf kann ich nicht mehr aus- bilden, weil ich niemanden bekomme. Bei- spiel Uhrmacher oder Florist. Wenn solche Kleinklassen dann aufgelöst werden, wird in diesen Berufen nicht mehr ausgebildet. Man reagiert ja sehr pragmatisch. Die Schulen helfen sich selbst, indem sie Klappklassen bilden und somit artverwandte Berufe teil- weise zusammen unterrichten. Da sind die Schulen sehr kreativ, sonst hätten wir etliche Klassen nicht mehr. Rainer Wittmann: Da werden enorme Kräf- te gespart, der Lehrkräftemangel wäre noch deutlicher sichtbar, wenn das nicht der Fall wäre. Man darf ja nicht nur darauf schauen, was eine Kleinklasse das Land kostet, son- dern auch, was der Wegfall der Kleinklassen an Kosten verursachen würde. Kann man eigentlich Bildung und Politik sinnvoll trennen? Man hat da manchmal den Eindruck einer unheiligen Allianz. Rainer Wittmann: Letztlich ist die Schulent- wicklung und somit auch die Ausbildung Teil der Politik. Jeder Bürgermeister kämpft na- türlich um seinen Schulstandort, gerade in kleinen Gemeinden, damit die Bürger nicht wegziehen. In keinem anderen Bundesland haben die kleinen und mittelständischen Un- ternehmen eine so große Bedeutung wie in Baden-Württemberg. Das heißt, gerade wir hier sind davon abhängig, dass es eine gelin- gende und verlässliche Bildungspolitik gibt. Deshalb wünsche ich mir eine nachhaltige Entwicklung in der Bildungspolitik des Lan- des und weniger Umbrüche. Das wäre wichtig für alle Seiten. Also: Wir müssen immer darauf schauen, was gelingt und nicht, was nicht gelingt. Die Schulen sind im permanenten Austausch von Lehrkräften, sie helfen in anderen Schulen aus. So können wir den Bildungsauftrag letzt- lich gut erfüllen. Nicht verhindern lassen sich große Krankheits- oder Fortbildungswellen, die Löcher in die Stundentafel reißen. Und man darf da auch die Generation Y bei den Lehrern nicht vergessen. Sie hat eine starke Work-Life-Balance, die sagt: Ich unterrichte, aber dann lebe ich. Insofern muss sich auch Schule ändern und darauf einstellen. Interview: Christian Beck ANZEIGE

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